Funktionieren oder Potentiale entfalten?

 

Als im 18. Jahrhundert die Schulpflicht in Österreich eingeführt wurde, war es eine der wesentlichen Intentionen der Obrigkeit, aus den Schulabgängern funktionierende Soldaten für ein schlagkräftiges Heer rekrutieren zu können. Die Schulpflicht betrug sechs Jahre.

Eine große Schulreform während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert erhöhte die allgemeine Schulpflicht auf acht Jahre. Die Schule sollte nun neben Soldaten vor allem auch funktionierende Arbeiter und Arbeiterinnen für die Industrie hervorbringen. Für höhere Ansprüche gab es Eliteschulen, die jedoch für den "kleinen Mann" unerschwinglich und unerreichbar waren.

Im Zuge einer weiteren wichtigen Schulreform zur Zeit eines großen Wirtschaftsaufschwunges Anfang der Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts wurde die allgemeine Schulpflicht auf neun Jahre erhöht. Langsam wurden die Anforderungen an die Schulabsolventen höher.

Bis dahin waren die Anforderungen an Schulabgänger ähnlich: Sie sollten möglichst gut "funtionierende" Mitglieder eines Systems sein, die zu erwartenden Aufgaben waren vorhersehbar.

Heute hat sich diese Welt grundlegend geändert, und sie ändert sich weiter in rasantem Tempo. Die Zukunft braucht weniger funktionierende Erfüllungsgehilfen als flexible, kreative Menschen, die sich mit den ständig neuen Herausforderungen einer sich immens rascher verändernden Wirklichkeit zurechtfinden. Wir wissen heute nicht, wie der Arbeitsmarkt und die Lebensumstände in 20 Jahren aussehen werden, wir wissen nur: Sie werden anders sein als heute.

 

Angesichts dieser Tatsachen ist es verwunderlich, dass unser Schulsystem nicht nur  vielen neuen Herausforderungen nicht gewachsen zu sein scheint, teilweise wird gar nicht versucht, auf diese zu reagieren.

  • Mit Einführung der Schulpflicht hat man das "Lernen im Gleichschitt" eingeführt: Alle Schüler lernen im gleichen Alter zur gleichen Zeit den gleichen Stoff. Einerseits deswegen, weil man es nicht anders wollte - es war nicht die Intention der Schule dieser Zeit, kreative Individualisten heranzuziehen, sondern man wollte gut funktionierende Untertanen. Andererseits weil man es nicht besser wusste - Entwicklungspsychologie und Gehirnforschung waren zu dieser Zeit noch nicht Teil pädagogischer Überlegungen.
    Heute sind die Voraussetzungen andere: Wir wissen, dass wir jene Schulabgänger, die wir uns wünschen, nicht durch lernen im Gleichschritt heranbilden können, sondern nur durch Individualisierung. Individualisierung ist zwar in den Schulgesetzen vorgesehen, sie passiert aber nicht, weil an anderer Gesetzesstelle (in Lehrplänen) wieder Lehrstoffvorschriften für  bestimmte Schulstufen existieren, die eingehalten werden müssen.  Wir haben ein Notensystem, das alle über den gleichen Kamm schert: Gleiche Schularbeit für alle zur gleichen Zeit ist Vorschrift, hier ist für einen Schüler, der seinen Mitschülern um ein Jahr voraus ist ebenso kein Platz wie für einen, der in der Entwicklung etwas langsamer ist. Im gleichen Jahr geboren - gleiche Anforderungen (wir haben in 250 Jahren nichts dazugelernt)! Es läßt sich leicht ausmalen, welche Potentiale hier verloren gehen - sowohl bei denen, die ständig unterfordert, als auch bei denen, die immer überfordert sind.
  • Natürlich ist die Wahl der Unterrichtsform ein wesentlicher Bestandteil eines modernen Unterrichts. Im Gegensatz zu früher kennen wir heute eine Fülle von Unterrichtsformen, bei denen die Schüler selbstständig arbeiten und forschen und sich in ihrem individuellen Tempo Lerninhalte aneignen können. Fast alle diese Unterrichtsformen sind bereits vielfach erprobt und haben sich bewährt. Und trotzdem ist, obwochl wir all das wissen, in unseren Schulen immer noch der Frotalunterricht die am häufigsten verwendete Unterrichtsform, in manchen Schulen gibt es kaum etwas anderes. Dazu muss man leider sagen: Veränderungen und Verbesserungen in Schule und Unterricht liegen - zwar nicht nur, aber doch zu einem wesentlichen Teil - in den Händen der Lehrer.
  • Als man die Schulpflicht einführte, waren die Erwartungen, die man in die Schulabgänger setzte, gering: Soviel Lesen, Schreiben und Rechnen wie man im Alltag brauchte und ein wenig Allgemeinbildung. Das war bewältigbar, auch ohne große pädagogische Sternstunden. Seit damals hat beinahe jede Generation, sicher aber jedes Zeitallter neue Inhalte in die Lehrpläne der Schulen hineingestopft, weil sie angeblich unverzichtbar sind. Für alle! Das hat dazu geführt, dass heute eine derartige Stofffülle über die Schüler hereinbricht, dass man, wollte man alles in der vorgesehenen Unterrichtszeit bewältigen, alles höchstens im Schnellzugtempo streifen könnte. Die Lehrer wollen sich nicht dem Vorwurf aussetzen, etwas Wichtiges nicht durchgenommen zu haben, also wird versucht, möglichst viel unterzubringen. Von Lernen und nachhaltigem Lernen kann da keine Rede mehr sein. Verschiedene Untersuchungen haben ergeben, dass vom "gelernten" Lehrstoff - je nach Studienanlage - durchschnittlich zwischen 2% und  7% übrig bleiben. Verloren geht dabei die Zeit, Grundlegendes ausreichend zu üben und zu verstehen. Eine Beschränkung des Lehrstoffes auf einen Bruchteil und eine Individualisierung des Stoffangebotes würden die Ausbeute am Ende wesentlich verbessern.
  • Eine Tatsache, die Pädagogen zwar schon länger geahnt haben, die aber erst in jüngerer Zeit von der Gehirnforschung nachgewiesen werden konnte, ist: Man kann niemandem gegen seinen Willen etwas beigringen. Man kann Menschen nicht zum Lernen zwingen, man kann sie nur einladen. Jeder lernt (zumindest nachhaltig) nur das, was er lernen will! Alles Andere wird innerhalb kurzer Zeit wieder vergessen und hinterläßt kaum Spuren. Auch unter diesem Gesichtspunkt sollte die angebotene Stofffülle und das Prinzip des "Lernens im Gleichschritt" einmal betrachtet werden.
  • Ein weiterer Unterrichtsbestandteil, der sich schon seit Jahrhunderten nicht wesentlich verändert hat, ist die Notengebung. Immer noch sind mit Schulnoten zahlreiche Berechtigungen verbunden (Schulwechsel, weiterführende Schulen, Studium, Lehre, ...), obwohl wir heute aus vielen verschiedenen Untersuchungen wissen, dass  Noten nicht miteianander vergleichbar sind. Schüler werden dazu erzogen, für eine Note zu arbeiten, und nicht, um etwas zu lernen und zu können. Eine fatale Verschwendung von Potential!
  • Schließlich ist es nach logischem Ermessen nicht nachvollziehbar, dass in einer Zeit, in der die Digitalisierung aller Lebensbereiche bereits so weit fortgeschritten ist wie heute und sich in rasendem Tempo weiter verbreitet, sich die Schule vielenorts ihrer Verantwortung entzieht und ihrer Möglichkeiten beraubt, digitale Medien ausreichend im Unterricht einzusetzen. Einerseits hat die Schule natürlich die Aufgabe, in einer Zeit, in der digitale Medien bereits längst Bestandteil der Lebenswelt unserer Kinder sind, diese im Umgang mit diesen Medien zu unterstützen und sie nicht mit den Problemen und Gefahren, die sie mit sich bringen, allein zu lassen. Und andererseits ist es kaum erklärbar, dass heutzutage, wo jeder Supermarkt selbstverständlich seine Lagerhaltung über digitale Medien verwaltet, die Schule nicht in der Lage sein sollte, ihre Inhalte digital zur Verfügung zu stellen, zu verwalten und zu verarbeiten. Zumal gerade die digitalen Medien ein wesentliches Werkzeug sein könnten, Individualisierung und Potentialentfaltung nachhaltig voranzutreiben.

Haben wir uns eigentlich schon einmal überlegt, wie es möglich ist, dass alle Kinder, die über die notwendigen körperlichen Voraussetzungen und das notwendige soziale Umfeld verfügen, bis zum Schuleintritt eine Sprache (nämlich ihre Muttersprache) erlernen können? Obwohl ihnen niemand vorschreibt, was sie wann lernen müssen, was sie zu interessieren hat, wie schnell sie es lernen müssen? Obwohl sie niemand täglich abprüft und ihnen Vorwürfe macht, was sie alles nicht können? Obwohl sie keine Regeln auswendig lernen und langwierige Hausaufgaben machen müssen? Aber vielleicht heißt es ja richtigerweise nicht "obwohl", sondern "weil"!

   

Was wirklich zählt

Schulen werden ständig beurteilt. Von den Eltern, von den Schülern, von der Schulaufsicht, von den Lehrern, von den Medien usw. Eines  der wesentlichen Beurteilungskriterien für Schulen stammt aus dem 19. Jahrhundert und sagt in etwa folgendes aus: Eine gute Schule ist eine, in der man möglichst viel lernt. Dies erscheint bei oberflächlichen Überlegungen ziemlich plausibel und entspricht auch dem Selbstverständnis zahlreicher Schulen.

Außerdem herrscht die Meinung vor, dass alle Schüler, die eine Schule verlassen, möglichst dasselbe - wenn auch in abgestufter Intensität - gelernt haben sollten. Ein Lernen im Gleichschritt mit leichten Modifikationen (Differenzierung) wird in den meisten Schulen bevorzugt.

Zukunftstaugliches Lernen

Die Diskussion darüber, was Schule leisten oder sein soll, wird durch die Tatsache erschwert, dass sich zahlreiche Menschen mit sehr verschiedenen Interessen und ziemlich unterschiedlichen Sichtweisen daran beteiligen: Politiker, die je nach zu bedienender Klientel sehr unterschiedliche Anforderungen an die Schule stellen; Wirtschaftstreibende, welche die Schule als Lieferanten für massgeschneiderte Arbeitskräfte sehen; Verfechter einer humanistischen Bildung, die ein Bildungsideal, das vor 200 Jahren von Humboldt propagiert wurde, weitgehend unreflektiert hochhalten; Eltern, die selbst 9 bis 13 Jahre die Schule besucht haben, und sich daher für Bildungsexperten halten; Lehrer, die seit 30 Jahren mehr oder weniger erfolgreich unterrichten und sich persönlich angegriffen fühlen, wenn man ihnen vorschlägt, dass sie einiges anders machen könnten; Schüler, die oft ganz andere Vorstellungen als ihre Eltern und Lehrer von dem haben, was sie lernen wollen; usw., usw.

Eine zukunftstaugliche Schule kann aber nur dann gelingen, wenn sich die verschiedenen Protagonisten auf die Wurzeln dessen besinnen, was Schule eigentlich sein soll und was sie leisten muss oder sollte. Also: Back to the roots!

Freude am Lernen

Grundsätzlich ist Lernen etwas, das untrennbar mit der Natur des Menschen verbunden ist, und was dem Lernenden prinzipiell auch Freude bereitet. Alle Kinder lernen laufen, alle lernen sprechen, nicht weil sie müssen, sondern weil sie es wollen. Wir alle kennen das Phänomen: Kinder freuen sich darauf, endlich in die Schule gehen zu dürfen, endlich lesen, schreiben und rechnen lernen zu dürfen, und nach einiger Zeit in der Schule ist vielen Kindern diese grundsätzliche Freude am Lernen abhanden gekommen. Was läuft hier an unseren Schulen, in unserer Erziehung falsch?

Individualisierung

Angesichts der Tatsache, dass in jeder Schulklasse Schüler mit unterschiedlichem Lerntempo, unterschiedlichen Interessen, unterschiedlichen Begabungen, unterschiedlichem geistigen Potential, unterschiedlichem sozialen Umfeld und unterschiedlichen Zielsetzungen sitzen, ist es verwunderlich, dass das "Lernen im Gleichschritt", wie es Precht (s. Literaturempfehlungen) nennt, in unseren Schulen immer noch so weit verbreitet ist: Alle Schüler müssen zur gleichen Zeit in gleichem Tempo den gleichen Lernstoff lernen und werden dann nach dem gleichen Benotungsschlüssel beurteilt. 

Realitätsverweigerung

Realitätsverweigerung

Wie ernst kann man eine Schule als Ausbildungsstätte für die Zukunft unserer Kinder und Jugendlichen nehmen, die noch nicht einmal in der Gegenwart angekommen ist, geschweige denn Zukunftsperspektiven eröffnet? 
Wie kann es sein, dass man in einer Welt, in der es derzeit (laut Statistik 2015) weltweit 7,086 Milliarden Mobilfunkanschlüsse bei 7,39 Milliarden Menschen gibt, sich in den Schulen darüber Gedanken macht, wie man Smartphones und Tablets aus dem Unterricht fernhalten kann, anstatt diese in Lernprozesse zu integrieren?

Hausaufgaben

Zum Thema "Hausaufgaben" sagt R. D. Precht (siehe Literaturempfehlungen): "... Ein Lehrer, der seine Schüler zu Hause nachholen lässt, was er im Unterricht nicht geschafft hat, gehört ebensowenig ans Gymnasium (oder an eine NMS - Anm. des Autors) wie ein Lehrer, bei dem besonders viele Kinder sitzen bleiben. Er gehört auf gar keine Schule..." 

Diese sehr provokante Aussage Prechts ist zwar bezüglich der Umstände (Halbtagesschule oder Ganztagesschule? Altersgruppe? Stundenbelastung der Schüler? Was versteht man unter Hausaufgaben? ...) zu relativieren. Grundsätzlich aber hat er recht.