Realitätsverweigerung

Realitätsverweigerung

Wie ernst kann man eine Schule als Ausbildungsstätte für die Zukunft unserer Kinder und Jugendlichen nehmen, die noch nicht einmal in der Gegenwart angekommen ist, geschweige denn Zukunftsperspektiven eröffnet? 
Wie kann es sein, dass man in einer Welt, in der es derzeit (laut Statistik 2015) weltweit 7,086 Milliarden Mobilfunkanschlüsse bei 7,39 Milliarden Menschen gibt, sich in den Schulen darüber Gedanken macht, wie man Smartphones und Tablets aus dem Unterricht fernhalten kann, anstatt diese in Lernprozesse zu integrieren?

Wodurch ist es zu rechtfertigen, dass wir, obwohl wir wissen, dass mobile Geräte und Internet im täglichen Leben unserer jungen Menschen einen fixen Platz einnehmen und eine nicht unwesentliche Rolle spielen, unsere Kinder im Umgang mit diesen Geräten allein lassen? Wie können wir ständig auf die Gefahren und negativen Seiten moderner Medien hinweisen, ohne die jungen Menschen beim Erlernen des Umgangs mit diesen Medien zu begleiten?
Unsere Kinder nutzen die modernen Medien in jedem Fall - genauso wie wir Erwachsenen das auch tun, weil sie aus unserer modernen Lebens- und Arbeitswelt nicht mehr wegzudenken sind. Es wäre doch wichtig, dass wir den Schülern helfen, sinnvoll mit dieser Herausforderung umzugehen, die Chancen, die sich eröffnen, zu nutzen, und die Gefahren, die lauern, zu erkennen und zu umgehen. Und das darf nicht ein Hobby einzelner Lehrer sein, die dieses Aufgabenfeld - meist zusätzlich zu ihren sonstigen Verpflichtungen - abdecken. In einer Zeit, in der wir die Schüler in der Schule auf lebenslanges Lernen vorbereiten sollen, weil dieses in zukünftigen Lebenswelten eine unverzichtbare Rolle spielen wird, darf auch von Lehrern verlangt werden, dass sie dazulernen und sich neuen Herausforderungen stellen. Möglichkeiten dazu gibt es ausreichend, und den Behörden würde es gut anstehen, für solche Aufgaben die Voraussetzungen zu schaffen und die Umsetzung auch einzufordern, anstatt sich in einem überbordenden Bürokratismus zu verlieren.

Ähnlich ignorant wie mit den neuen Medien gehen viele Schulen mit den Ergebnissen um, die uns die Gehirnforschung in den letzten Jahrzehnten liefert. Obwohl die Gehirnforschung die Grundlagenforschung für die Pädagogik ist, werden Erkenntnisse über gehirngerechtes Lernen von vielen Lehrern, Schulen und Schulbehörden ignoriert.
Wir wissen heute: Jedes Hirn ist anders, je nachdem, wie es von jemandem benutzt oder trainiert wird. Trotzdem versuchen viele Schulen das "Lernen im Gleichschritt" durch ein sehr lehrerzentriertes Unterrichtsangebot zu forcieren, anstatt Individualisierung durch schülerzentrierte Lernformen zu fördern. 
Wie wissen auch: Lust am Lernen ist für eine erfolgreiche Lernumgebung unverzichtbar. Diese Lust entsteht durch Abwechslung (Langeweile scheint der Tod nachhaltigen Lernens zu sein) und die Auswahl geeigneter Inhalte, welche das Interesse der Schüler wecken. Nur Gelerntes, das ich aus eigenem Antrieb lernen möchte und auch verstanden habe, schafft den Eintritt in die Großhirnrinde, wird dort gespeichert und kann dann durch Verknüpfungen mit anderen Nervenzellen neue "neuronale Netzwerke" bilden. Alles andere wird bestenfalls bis zu einem Test oder einer Schularbeit behalten und wird dann wieder verworfen, ohne Spuren im Langzeitgedächtnis zu hinterlassen. Trotzdem zwingen wir den Schülern häufig durch Gleichschaltung ohne Rücksicht auf ihre Fähigkeiten und Interessen Lerninhalte auf, die überhaupt nicht ihrem momentanen Entwicklungsstand und ihren Interessen entsprechen. Und das, obwohl in unserem Schulsystem heterogene Klassen obligatorisch sind und wir genau wissen, dass die Schüler einer Klasse in ihren Fähigkeiten und Interessen sehr weit auseinanderliegen können. Das Ergebnis ist ein Lernen, das nur auf die nächste Prüfung abzielt und jede Nachhaltigkeit vermissen lässt ("Bulimielernen").
Was wir ebenfalls wissen sollten: Angst macht nachhaltiges Lernen unmöglich. Wer unter Angst lernt, lernt die Angst gleich mit! Trotzdem bringen wir unsere Schüler unentwegt - und zum Teil völlig unnötig - in Prüfungssituationen, die bei vielen Schülern Angst auslösen. Außerdem ist es durchaus in vielen Klassen noch gängige Praxis, Schüler durch Straf- Prüfungsandrohungen zu disziplinieren und damit Angst und Schrecken zu verbreiten. Damit kann man vielleicht für eine begrenzte Zeit in einer Klasse "Disziplin" erreichen, auf keinen Fall aber eine Lernumgebung schaffen, die einem nachhaltigen Lernen förderlich ist.

 Es wäre zu wünschen, dass Schulen, Lehrer und Behörden, die unseren Kindern Zukunftsperspektiven eröffnen sollen, solche Überlegungen in Ihre Arbeit einfließen lassen würden. Ansätze dafür gibt es, aber die vereinzelten Schulen, die wirklich innovativ und zukunftsorientiert arbeiten sind eher dünn gesät und in der österreichischen Bildungslandschaft kaum wahrnehmbar. Schuldzuweisungen bringen nichts, jeder der am Bildungsprozess für die Zukunft unserer Kinder beteiligt ist, trägt Verantwortung und muss diese wahrnehmen. Denn genau darum geht es: Um die Zukunft unserer Kinder.

 

Für weiterführende Auseinandersetzung mit dem Thema siehe Literaturempfehlungen und Linkliste!