Was wirklich zählt

Schulen werden ständig beurteilt. Von den Eltern, von den Schülern, von der Schulaufsicht, von den Lehrern, von den Medien usw. Eines  der wesentlichen Beurteilungskriterien für Schulen stammt aus dem 19. Jahrhundert und sagt in etwa folgendes aus: Eine gute Schule ist eine, in der man möglichst viel lernt. Dies erscheint bei oberflächlichen Überlegungen ziemlich plausibel und entspricht auch dem Selbstverständnis zahlreicher Schulen.

Außerdem herrscht die Meinung vor, dass alle Schüler, die eine Schule verlassen, möglichst dasselbe - wenn auch in abgestufter Intensität - gelernt haben sollten. Ein Lernen im Gleichschritt mit leichten Modifikationen (Differenzierung) wird in den meisten Schulen bevorzugt.

 

Bei näherer Betrachtung, unter Einbeziehung neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse und unter Berücksichtigung des derzeit in Österreich (und vielen anderen europäischen Ländern) praktizierten Schulsystems der heterogenen Klassen erweisen sich diese Ansätze allerdings als vollkommen unhaltbar.

Zum Ersten haben wissenschaftliche Untersuchungen ergeben, dass das Lernen von riesigen Stoffmengen für eine Prüfung  ohne wirkliches Verständnis jede Nachhaltigkeit vermissen lässt. Diese Art des Lernens wird in der Fachliteratur auch als "Bulimielernen" bezeichnet. Mehrere Erhebungen haben gezeigt, dass von dem mühsam in einer Schullaufbahn Erlernten zwei Jahre nach der Reifeprüfung nur noch weit weniger als 10% übrig sind. Solche Lernpraktiken sind nicht nur höchst ineffektiv und unökonomisch, sondern auch in hohem Maße demotivierend. Angesichts der Tatsache, dass die Schule möglichst gut auf ein lebenslanges Lernen vorbereiten soll, sind derartige Ansätze höchst fragwürdig.

Das Bestreben einer zukunftsorientierten Schule muß es daher sein, dass die Schüler nicht möglichst viel, sondern möglichst nachhaltig lernen. Denn am Ende zählt das, was man kann, und nicht das, was man einmal gelernt hat.

Diese Erkenntnis führt uns unmittelbar zum zweiten wesentlichen Grundsatz einer modernen Schule. Wir wissen heute viel besser über die Funktionsweise des Gehirns Bescheid als etwa vor dreißig Jahren. Wir wissen, dass jedes Gehirn durch unterschiedliche Verwendung eigenständige Vernetzungen entwickelt, sogenannte "kordiale Karten" entstehen. Diese Gehirnlandschaften sind in unterschiedlichen Bereichen verschieden stark entwickelt, und allein diese Tatsache - gepaart mit unterschiedlichen äußeren Umständen, die das Lernklima ebenfalls beeinflussen - legen die Schlussfolgerung nahe, dass Lernen im Gleichschritt nur sehr bedingt funktionieren kann. Wirklich nachhaltig lernen kann ein Mensch nur das, was er verstehen und einordnen kann, und was er auch lernen will. Alles andere findet nicht den Weg ins Langzeitgedächtnis, fällt eher in die Kategorie "Bulimielernen" und ist für den Lernenden äußerst frustrierend. Es sorgt dafür, dass der Lernende die Freude am Lernen verliert. Eine denkbar schlechte Voraussetzung für  lebenslanges Lernen, zumal Freude am Lernen einer der wichtigsten Faktoren für einen nachhaltigen Lernerfolg ist.

 

Wie sollten Schulen auf diese Erkenntnisse reagieren?

  • Reduzieren wir den allgemeinen Lehrstoff - das Grundlegende, das alle wirklich können sollten - auf das wirklich Wichtige (der deutsche Psychologe und Bildungsforscher Thomas Städtler fordert in seinem Buch "Die Bildungshochstapler" sogar, die Lehrpläne um 90 % zu kürzen!) und sorgen wir dafür, dass sie das auch wirklich können und nicht nur "irgendwann einmal gelernt haben". Stellen wir den Interessierten und denen, die mehr lernen wollen, ausreichend zusätzliche Angebote zur Verfügung

 

  • Der bislang gültige Leitspruch "Schule = Lernen" ist nicht richtig. Er muß durch den Leitspruch "neue Schule = nachhaltiges Lernen" ersetzt werden

 

  • Differenzierung falsch verstanden: schwächere Schüler, die eigentlich mehr Übung bräuchten, um ein Thema nachhaltig zu lernen, machen weniger Übungen, weil sie durch "Lernen im Gleichschritt" in einen Zeitrahmen gepresst werden, der ihnen zu wenig Zeit für ihr individuelles Lerntempo gibt. Gute Schüler hingegen werden aus demselben Grund mit zusätzlichen Aufgaben "gefüttert", obwohl  sie das Lernziel längst erreicht hätten (sehr motivierend?).

 

  • Wenn man das überlegt wird klar, dass der einzige Ausweg ist, jedem Schüler die notwendige Zeit zu geben. > Kein Lernen im Gleichschritt! > Keine Prüfungen oder Schularbeiten zur gleichen Zeit für alle!

 

"Es gibt Experten, die dazu Überraschendes zu sagen haben Psychologen, Bildungs- und Hirnforscher, die sich ohne die Brille und die Tradition der Pädagogik mit der Frage nach besserer Bildung beschäftigen. Sie glauben, dass der vermeintliche Widerspruch zwischen Überangebot und Wissenslücken gar keiner ist. Sondern dass, im Gegenteil, unsere Schüler viel mehr wissen könnten – wenn sie weniger lernen müssten." (zeit online: das will ich nicht wissen)

 

Viele Bildungsexperten sind der Meinung, "... dass es nicht darum geht, in den verschiedenen Fächern viele unwichtige Einzelheiten zu kennen. Vielmehr muss eine Grundbasis gelegt werden, auf die der Schüler dann aufbauen kann beziehungsweise die er nach Wunsch vertiefen kann." ( Thomas Städtler: Die Bildungshochstapler)

 

»Aus der Schulzeit sind mir nur die Bildungslücken in Erinnerung geblieben.« (Oskar Kokoschka)

 

 

Für weiterführende Auseinandersetzung mit dem Thema siehe Literaturempfehlungen und Linkliste