Individualisierung

Angesichts der Tatsache, dass in jeder Schulklasse Schüler mit unterschiedlichem Lerntempo, unterschiedlichen Interessen, unterschiedlichen Begabungen, unterschiedlichem geistigen Potential, unterschiedlichem sozialen Umfeld und unterschiedlichen Zielsetzungen sitzen, ist es verwunderlich, dass das "Lernen im Gleichschritt", wie es Precht (s. Literaturempfehlungen) nennt, in unseren Schulen immer noch so weit verbreitet ist: Alle Schüler müssen zur gleichen Zeit in gleichem Tempo den gleichen Lernstoff lernen und werden dann nach dem gleichen Benotungsschlüssel beurteilt. 

Bei der Benotung spielt es dabei keine Rolle, ob der Schüler in einem bestimmten Lernabschnitt viel, wenig oder gar nichts dazugelernt hat, denn nicht sein Lernzuwachs wird gemessen, sondern sein Wissen und Können wird lediglich mit dem Wissen und Können aller anderen verglichen. Ein Schüler mit einer Rechtschreibschwäche etwa, der monatelang fleißig geübt hat und seine ursprünlich sehr hohe Fehlerzahl innerhalb einer Lernsequenz auf die Hälfte reduzieren konnte - eine großartige Leistung - bekommt dennoch eine negative Note, wenn die Fehlerzahl - verglichen mit anderen Schülern - zu hoch ist. Ein grundsätzlich guter Rechtschreiber, der ursprünglich schon wenig Fehler machte und innerhalb einer Lernsequenz seine Fehlerzahl überhaupt nicht verbessert hat - also nichts dazugelernt hat - bekommt eine gute Note, weil er, verglichen mit anderen, immer noch gut ist. Dass ein derartiges Notensystem eine fatale Auswirkung auf die Motivation der Schüler hat, liegt auf der Hand: Der "schwache" Schüler, der fleißig war und viel dazugelernt hat, wird bestraft und hat daher natürlich keinerlei Motivation, sich weiterhin zu bemühen. Der "gute" Schüler wird für seine schwache Leistung belohnt und sieht daher keinen Grund, sich künftig mehr anzustrengen. 

Aber die Notengebung ist nur ein Teilbereich, in welchem Probleme durch das "Lernen im Gleichschritt" entstehen. Das Hauptproblem dieser Unterrichtsform ist es, dass nicht zwischen "Pflicht und Kür", also zwischen Grundlagen und weiterführendem Lernstoff unterschieden wird. Jemand, der nicht ausreichend sinnerfassend Lesen kann, wird keine Buchbeschreibung abliefern können, keine Textrechnung lösen und die Arbeitsanweisungen eines Arbeitsplanes nicht verstehen können. Es macht überhaupt keinen Sinn, von einem Schüler, der nicht lesen kann, eine Buchbeschreibung zu verlangen, nur weil es gerade Klassenlehrstoff ist. Für diesen Schüler ist die Beschäftigung mit einer Buchbeschreibung verschwendete Zeit, für ihn wäre es notwendig, seine Leseleistung zu verbessern. Auch dann, wenn er laut Lehrplan bereits Lesen können müsste. Es muss klar sein, dass Grundlagen in den verschiedenen Lernbereichen beherrscht werden müssen, damit man im Leben zurechtkommt. Wer Rechenoperationen, die man im täglichen Leben braucht, nicht beherrscht, wer nicht lesen und einfache Texte richtig schreiben kann, wer nicht auf Elementares der englischen Sprache zurückgreifen kann, der wird es schwer haben, sein Leben selbstständig zu meistern. 

Die Wichtigkeit anderer Lerninhalte hingegen ist durchaus individuell verschieden. Es soll Menschen geben, die die Bruchterme seit ihrer Schulzeit nie mehr gebraucht haben und trotzdem beruflich sehr erfolgreich sind - beispielsweise als DolmetscherIn, KindergartenpädagogIn oder JournalistIn. Auch Menschen, die eine satzwertige Infinitivgruppe nicht sofort erkennen, haben durchaus Chancen, es in einem ehrbaren Beruf zu etwas zu bringen - nur im Falle eines Germanistikstudiums sollten sie diese Lücke vielleicht schließen. 

Aufgabe eines modernen Unterrichts wäre es, die Schüler - und zwar möglichst alle Schüler - mit den Grundlagen auszustatten, abgesehen davon aber weitgehende Individualisierung anzustreben. Das würde einerseits dazu führen, dass die Lernenden eher das lernen, was sie später einmal brauchen, da man ja davon ausgehen kann, dass die Interessen bei der Berufswahl eine Rolle spielen. Andererseits würde die Freude am Lernen steigen, was wiederum zu einer Verbesserung des Lernerfolgs beitragen könnte.

 Für weiterführende Auseinandersetzung mit dem Thema siehe Literaturempfehlungen und Linkliste!