Freude am Lernen

Grundsätzlich ist Lernen etwas, das untrennbar mit der Natur des Menschen verbunden ist, und was dem Lernenden prinzipiell auch Freude bereitet. Alle Kinder lernen laufen, alle lernen sprechen, nicht weil sie müssen, sondern weil sie es wollen. Wir alle kennen das Phänomen: Kinder freuen sich darauf, endlich in die Schule gehen zu dürfen, endlich lesen, schreiben und rechnen lernen zu dürfen, und nach einiger Zeit in der Schule ist vielen Kindern diese grundsätzliche Freude am Lernen abhanden gekommen. Was läuft hier an unseren Schulen, in unserer Erziehung falsch?

Ein Problem ist ein Schulsystem, in dem immer noch weitgehend alle Schüler zur gleichen Zeit im gleichen Lerntempo den gleichen Unterrichtsstoff erarbeiten müssen, ohne Rücksicht auf Begabung, Interessen oder persönliche Lerngeschwindigkeit. Dieses führt dazu, dass nur für einen Teil der Schüler - meist für die "durchschnittlichen", mittelmäßig begabten Schüler mit mittlerem Lerntempo - der Unterricht vom Schwierigkeitsgrad und von den zeitlichen Vorgaben her zufriedenstellend verläuft. Die "schwächeren" oder langsameren Schüler sind überfordert, die "besseren" oder schnelleren Schüler sind gelangweilt - was in beiden Fällen zu starken Motivationshemmungen führt. Die Schüler verlieren die Freude am Lernen. 

Ein weiteres Problem ist die Notengebung in unserem Schulsystem. Wenn für die Beurteilung einer Leistung nicht der persönliche Lernfortschritt, sondern immer nur die Durchschnittsleistung einer Klasse als Kriterium herangezogen wird, ist das kaum motivierend. Vor allem für jene nicht, die keine "Durchschnittsschüler" sind (siehe auch den Blog "Individualisierung"). Eine derartige Beurteilung fördert die Freude am Lernen nicht.

Weiters ist auch zu bedenken, dass das Lernen von Inhalten, die einen interessieren, mehr Freude bereiten, als das Lernen von Inhalten, die einen nicht interessieren. Der gleiche Lernstoff für alle, unabhängig von Interessen, Begabung und Lebensplanung (Berufswunsch) der Schüler kann die Freude am Lernen nicht fördern (siehe auch hier den Blog "Individualisierung").

Auch Hausaufgaben, die in unserem Schulsystem durchaus noch üblich sind, können als starke Motivationshemmer wirken. Dass bei Kindern, die mit Schulzeit, Lernzeit und zusätzlichen Aktivitäten häufig auf eine Arbeitszeit weit jenseits der 40 Wochenstunden kommen - bei Erwachsenen würde angesichts einer solchen Arbeitszeit jede Gewerkschaft laut aufschreien - zusätzliche Hausübungen die Freude am Lernen nicht gerade fördern, ist vorstellbar. Wenn man die fragwürdige Sinnhaftigkeit der Hausübungen im Allgemeinen bedenkt, sollte man sich das EInfordern von Hausaufgaben gründlich überlegen

Wie wir aus der Gehirnforschung wissen, ist Freude am Lernen eine Grundvoraussetzung dafür, dass angeeignetes Wissen und Können überhaupt dort hinkommen kann, wo wir es haben wollen, nämlich ins Langzeitgedächtnis. Wir wissen außerdem, dass lebenslanges Lernen unsere Kinder begleiten wird, ob sie das wollen oder nicht. Daher sollten Schulen nichts unversucht lassen, den Schülern die Freude am Lernen zu erhalten oder sie dabei zu unterstützen, sie zurückzugewinnen.

Für weiterführende Auseinandersetzung mit dem Thema siehe Literaturempfehlungen und Linkliste!